Interview Tenhagen Quartett

Münster Klassik traf das Tenhagen Quartett zum Interview.

Ein Streichquartett, das ausschließlich aus Geschwistern besteht, ist etwas Besonderes. Haben eure Eltern das so geplant oder war es eine zufällige Entwicklung?

 

Weder noch. Unsere Eltern haben Musik immer sehr geliebt, sind aber keine Berufsmusiker und kannten sich mit Streichinstrumenten eigentlich gar nicht aus. Dass Kathrin, die Älteste, im Alter von sechs Jahren begonnen hat, Geige zu spielen, lag unter anderem daran, dass man mit diesem Instrument schon früh mit anderen zusammen spielen kann. Sie hatte eine tolle erste Lehrerin an der Musikschule Steinfurt und wurde sehr schnell richtig gut. Ab dem Zeitpunkt kamen auch wir anderen Geschwister täglich mit klassischer Musik in Kontakt. Und so kam es, dass wir nacheinander alle begannen, ein Streichinstrument zu spielen. Bei genau vier Geschwistern lag die Idee vom Streichquartett, das ja auch als Königsdisziplin der Kammermusik gilt, bald auf der Hand.

 

Wann habt ihr angefangen, ein Instrument zu spielen und was oder wer waren Eure frühen Einflüsse?

 

Mit unserem jeweiligen Instrument begonnen haben wir im Alter von ungefähr sechs Jahren. Unsere frühen Einflüsse waren sicherlich unsere jeweiligen Lehrer, die z. B. bei Kathrin und Borge ungarische Wurzeln hatten, sodass wir schon früh ungarische Volksmusik kennenlernten und auch zu einem Festival nach Ungarn reisten. Außerdem waren Kinderkonzerte und Theateraufführungen wichtig, bei denen wir mitgewirkt haben, und die CDs, die bei uns im Wohnzimmer standen – besonders geliebt haben wir z. B. die Interpretationen von Nathan Milstein und Mstislaw Rostropowitsch. Aber selbstverständlich haben wir uns auch untereinander bereits sehr früh musikalisch beeinflusst - das lässt sich auch gar nicht vermeiden, wenn vier Musiker in einem Haus üben.

 

Ihr spielt auch mit anderen Kammermusikpartnern. Was macht das Musizieren mit den Geschwistern für euch so anziehend?

 

Mit seinen Geschwistern gemeinsam zu musizieren, ist einfach eine ganz besondere Situation. Wir sind zusammen aufgewachsen, haben zusammen die Welt entdeckt und wissen genau, wer wie in welcher Situation reagiert. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung, aber wir können vollkommen offen und ungehemmt über alles sprechen. Oft verstehen wir uns aber auch ohne viele Worte. Wir vier sind alle sehr unterschiedliche Charaktere, was wir beim Musizieren als sehr bereichernd empfinden. Dabei haben wir aber eben doch die gleichen Wurzeln, eine gemeinsame Basis also, die uns zusammenhält und zu einer musikalischen Einheit macht. Wir glauben, dass man das auch recht schnell merkt, wenn man uns im Konzert hört. 

Was sind für euch die wichtigsten Herausforderungen als Künstler und wie haben sie sich im Laufe der Jahre verändert?

 

Früher, als wir noch in der Ausbildungsphase waren, war die größte Herausforderung erst einmal, möglichst rasch Fortschritte auf dem jeweiligen Instrument zu machen und möglichst schnell neue Werke zu beherrschen. Auch heute bleibt es eine große Herausforderung, das riesige vorhandene Streichquartettrepertoire zu erarbeiten und dabei auch unbekanntere Werke zur Aufführung zu bringen. Ganz wichtig ist es für uns, durch die Musik zu den Menschen zu sprechen, sie wirklich zu berühren und die Botschaft, die die Komponisten in ihre Werke gelegt haben, immer wieder neu überzubringen. Wir versuchen dabei, das Besondere, was unser Musizieren ausmacht, immer weiter zu entwickeln und uns und unserem persönlichen Stil trotzdem immer treu zu bleiben.

Man hört immer wieder davon, dass klassische Musik – insbesondere Kammermusik – vor neuen Herausforderungen stehe. Gleichzeitig gab es niemals zuvor so viele junge Menschen, die ein Instrument lernen. Kathrin, du lehrst an der HMT Felix-Mendelssohn-BartholdyLeipzig. Welche Möglichkeiten siehst du, um das Publikum für klassische Musik zu begeistern?

 

Früher wurde Kammermusik oft spontan bei Treffen in Familien, unter Freunden und Nachbarn gespielt. In Leipzig war dies z. B. der Fall im Mendelssohn- und im Schumannhaus: Beide werden auch heute regelmäßig als ganz besondere Konzertsäle genutzt, und wenn man dort spielt, spürt man die intime und kreative Atmosphäre und die Nähe zum Publikum. Gerade für Kammermusik ist es ganz entscheidend, dass man sich nicht nur zu den Proben trifft, sondern Zeit miteinander verbringt, die Welt um sich herum vergessen und sich ganz auf die gemeinsame Musik konzentrieren kann. Besonders habe ich dies sowohl als Studentin als auch als Dozentin beim Yellow Barn Festival in Vermont erlebt: Es war etwas ganz Besonderes, dort mit Studenten und Professoren gemeinsam gerade auch selten gespielte Kammermusikwerke zu proben, nach den Konzerten neue Ideen direkt umzusetzen, mit den Komponisten des Festivals zusammenzuarbeiten, gemeinsam den Mount Monadnock zu besteigen und die eigenen Konzertplakate zu gestalten. Seitdem ich 2011 begonnen habe, an der Leipziger Musikhochschule zu unterrichten, hatte ich den Traum, ein eigenes Festival zu planen: Besonders viel Freude macht es mir, zu sehen, wie meine Studentinnen und Studenten ganz eigene Interpretationen entwickeln, mit Klangfarben experimentieren und selbst Konzerte in ganz unterschiedlichen Settings organisieren. Dies halte ich für besonders wichtig: Gerade Kammermusik sollte nicht nur im großen Konzertsaal stattfinden, sondern die Menschen in ihrem Alltagsleben abholen, wie dies z. B. durch Yehudi Menuhins Stiftung Live Music Now und das von Lars Vogt gegründete Projekt „Rhapsody in School“ unterstützt wird. Seit 2006 gibt es mit „Classical Revolution – Music for people“ eine weitere Entwicklung, die genau diesen Gedanken aufgreift: In San Francisco gegründet, hat die mittlerweile weltweite Bewegung zum Ziel, Kammermusik wieder zugänglicher zu machen durch ungewöhnliche Aufführungsorte in Markthallen, Fabriken, auf Schiffen und in Cafés – mit unserem Quartett haben wir z. B. in den letzten zwei Jahren in der Boxmühle Gifhorn gespielt. Alle diese Erfahrungen möchten wir gerne in unserem eigenen Classic Festival Jülich Impressions weitergeben, das vom 29. Mai bis 3. Juni 2019 zum ersten Mal stattfinden wird: Das Festival wird unter dem Leitstern "Impressions - classical music between generations and cultures" stehen und Kinder, Jugendliche, Studierende und international erfolgreiche Musikerinnen und Musiker aus Deutschland, der Schweiz, Italien und den USA zusammenbringen. Es wird ein Orchesterprojekt und öffentliche Meisterkurse geben sowie sechs Abendkonzerte u. a. in den Schulen der Stadt, in der Jülicher Schlosskapelle, der Zitadelle und der Propsteikirche. Gerade der internationale Austausch liegt uns besonders am Herzen: Wunderbar ist es, wenn wir in anderen Ländern spielen, wie z. B. auf unseren Tourneen in Portugal und Südfrankreich oder bei Konzerten in Argentinien, wo das Publikum nach dem Konzert auf die Bühne kam und  wir noch bis in die frühen Morgenstunden Volksmusik mit regionalen Künstlern gespielt haben. Diese Leidenschaft, diese unmittelbare Kommunikation ist es, worum es in der Kammermusik eigentlich geht.

 

Leonie, die Natur war immer auch in der Musik zu finden. Gilt das auch für die „Moderne Musik“?

 

Die Geräusche und Stimmungen der Natur, Vogelgesänge, oder auch einfach die erhabene Stille und Weite der Landschaft – das war für ganz viele große Komponisten wie Beethoven oder Brahms eine unglaublich reichhaltige Quelle der Inspiration. Und innerhalb der klassischen Moderne gibt es Komponisten, die zugleich als Naturforscher aktiv waren. Ich denke hier an Messiaen, der Vogelstimmen auf der ganzen Welt aufgezeichnet und vertont hat, oder an Bartók, der eine Insektensammlung besaß und der die geheimnisvollen Geräusche der nächtlichen Puszta – Insektenstimmen, Vogel- und Froschlaute, Wind und Wassertropfen – in seinen Nachtmusiken erklingen lässt. Vogelmotive spielen schon in den ganz frühen Werken der Renaissance und des Barock eine wichtige Rolle, was sicher damit zu tun hat, dass Vogelstimmen damals im Leben der Menschen viel präsenter und auch bekannter waren als heutzutage. Die heutige Zivilisation dagegen liefert eine gewaltige Flut von Geräuschen und Eindrücken, mit denen Komponisten sich auseinandersetzen können bzw. müssen, die Natur wird dabei nicht selten völlig an den Rand gedrängt. Dennoch gibt es zeitgenössische Komponisten, die sich gerade darauf besinnen, wie den Letten Pēteris Vasks oder den Finnen Rautavaara, der ein Konzert für Vogelstimmen und Orchester komponiert hat. Und anlässlich der Berichte über das dramatische Insektensterben hat der deutsche Komponist Gregor Mayrhofer kürzlich ein „Insect Concerto“ geschrieben, in dem Insekten die Solisten sind. Hier zeigt sich: Moderne Musik kann ein Mittel sein, um auf die Bedrohung der Natur aufmerksam zu machen, und zugleich kann die Natur, sofern es uns gelingt, ihren Artenreichtum zu erhalten, auch heute und in Zukunft zu großen Musikwerken inspirieren. Bewusstes Naturerleben ist auch für mich ganz entscheidend, um Musik besser verstehen und interpretieren zu können.

 

Borge, du bist zu Beginn deines Studiums von der Geige auf die Bratsche umgestiegen. Hast du diese Entscheidung schon einmal bereut? 

Nein, ich bin sehr froh, mich damals so entschieden zu haben. Gerade im Streichquartett kommt der Bratsche schließlich eine ganz besondere Bedeutung zu. Sie hat gewissermaßen eine Vermittlerfunktion zwischen den Geigen auf der einen und dem Cello auf der anderen Seite. Es mag zwar für die Geige mehr virtuose und vielseitigere Sololiteratur geben, dies wird für mich aber mehr als wettgemacht dadurch, dass viele Komponisten einige der schönsten Soli gerade in die Bratschenstimme gelegt haben. Letztendlich ist ja auch unser Quartett erst dadurch möglich geworden, dass ich auf die Bratsche gewechselt bin. Allein diese wunderbare Möglichkeit des gemeinsamen Musizierens zeigt schon, dass der Umstieg für mich damals die einzig richtige Entscheidung sein konnte. 

Malte, wie ist es, als Jüngster in einem Geschwisterquartett zu spielen?

 

Im Quartett das jüngste Mitglied zu sein hat Vor- und Nachteile. In einem Geschwisterquartett sind diese einfach noch deutlich stärker ausgeprägt, gerade wenn man noch sehr jung ist. Als wir begonnen haben, zusammen zu musizieren, war ich noch Jungstudent, befand mich also noch in einem recht frühen Stadium meiner Ausbildung. Da muss man dann schon dafür sorgen, dass man möglichst rasch große Fortschritte macht und im Quartett zu seinem Recht kommt. Andererseits kann man natürlich auch viel von der musikalischen Erfahrung der Geschwister lernen. Im Laufe der Zeit hat sich das aber ausgeglichen, und heute macht sich der Altersunterschied weniger bemerkbar. 

Was sind die schönsten Momente in einem Konzert für euch?

Die schönsten Momente im Konzert entstehen oft spontan aus der Interaktion untereinander, aber auch aus der zwischen Künstlern und Publikum. Deshalb ist es ja auch immer wieder spannend, auf der Bühne zu stehen bzw. zu sitzen. Ein Beispiel: Wir haben einmal ein Konzert auf dem Fellhorn, einem 2000 Meter hohen Berg in den Allgäuer Alpen gespielt. Das Konzert fand in einem fast vollständig aus Glas bestehenden Saal statt, aus dem man bei gutem Wetter eine wunderschöne Aussicht auf die umliegende grandiose Bergwelt hat. Zu Beginn war es jedoch so nebelig, dass man nur wenige Meter weit sehen konnte. Als dann während des langsamen Satzes des Sonnenaufgangsquartetts von Joseph Haydn der Nebel aufbrach und Sonnenstrahlen durch den Raum fluteten, war das ein ganz zauberhafter Moment, den man nie vergisst. 

 

Hier finden Sie uns

Esther Hünnekens

 

Münster Klassik

Gertrudenstr. 41

48149 Münster

T.: 0251 / 92 77 18 18

Mo. bis Frei.

von 9:00 - 12:00

Aktuelles

Kathrin ten Hagen wurde an die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar als Professorin für Violine berufen. Sie ist Primaria des Geschwisterquartetts TenHagen.

 

Herzlichen Glückwunsch Kathrin!

Interview

TenHagen Quartett

 

- Wie ist es als Jüngster im Quartett zu spielen?

- Wie gewinnt man jüngeres Publikum?

- Was hat bewusstes Naturerlebnis mit Musik zu tun?

 

Klicken Sie hier: Interview

Fünf Jahre Münster Klassik!

Der Newsletter 2018/19 ist da!

Jubiläum

10 Jahre St. Petersburger Kammerorchester

Carpe Diem

 

Jubiläumsprogramme, klicken Sie hier: "10 Jahre"!

Klassische Konzertreihe des Museums für Lackunst (BASF) in Kooperation mit Münster Klassik:

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Esther Hünnekens